GENRE
Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht
Diese männliche Erkenntnis stammt aus Kálmáns „Csárdásfürstin“. Eine Erkenntnis des Publikums ist: Ohne Operette würden der musikalischen Landschaft viele schöne Blumen fehlen. Das Genre ist so beliebt wie umstritten. Das bedeutet: Es ist höchst lebendig. Aus dem Italienischen übersetzt, heißt die Operette "kleine Oper". Der französische Komponist Jacques Offenbach hat sie im 19. Jahrhundert groß gemacht. Mit "Orpheus in der Unterwelt" schuf er ein Glanzstück der Gattung. Grotesk, frivol, sentimental. Die Wiener Operette ist mit klanvollen Namen wie Johann Strauss, Karl Millöcker und Carl Zeller verbunden, die Berliner mit Komponisten wie Paul Lincke, Jean Gilbert und Walter Kollo.
Die Operette besitzt einen hohen Unterhaltungswert und – als Spiegel ihrer Zeit – einen oft satirischen Zugriff auf die Wirklichkeit. Sie und die ihr verwandten Genres wie Musical und Spieloper bezaubern oft mit brisanten Themen, immer mit sinnlicher Vielfalt, Bühnenzauber und einer Überfülle an einprägsamen Melodien, schwungvollen Tänzen und unvergesslichen Gesangsnummern. Die Staatsoperette Dresden entdeckt seit über 60 Jahren die Vielvalt, Schönheit und Heiterkeit der Operette für ihre Zuschauer immer wieder neu. Sie ist das europaweit letzte selbständige Operettentheater – mit einem hochmotivierten Ensemble, hohem künstlerischem Anspruch und großem Publikumserfolg.
Das einmalige Repertoire des Hauses setzt sich aus Operetten, Musicals und Spielopern zusammen. Auf dem Spielplan stehen unter anderem die Operetten-Klassiker „Die Fledermaus“ und „Im Weißen Rössl“. Aber auch Werke, die man weltweit kaum erleben kann – wie Johann Strauss‘ „Cagliostro in Wien“ – werden hier geboten. Daneben gehören Musicals wie „Evita“, „Anatevka“ oder „Catch Me If You Can“ genauso wie die Spielopern „Die Zauberflöte“ oder „Die verkaufte Braut“ dazu.
Diese Vielfalt allabendlich hochprofessionell auf die Bühne zu bringen, macht das großartige Ensemble mit einem leistungsstarken Orchester und spezialisierten Solisten sowie einem Chor, der auch tanzen und einem Ballett, das auch singen kann, möglich.

GESCHICHTE
Traditionsreich und mit großem Traditionsverständnis
Der Wiener Ernst Theis, Chefdirigent der Dresdner Staatsoperette, charakterisierte in einem Interview seine sächsische Wahlheimat: "Dresden ist sehr historisch angelegt, sehr traditionsreich mit einem großen Traditionsverständnis." Seit über 240 Jahren prägt das musikalische Volkstheater das Kulturleben der Stadt. Im 20. Jahrhundert war die Hoch-Zeit der Operette und der ihr verwandten Genres. Das Alberttheater, Central-Theater und Residenztheater wirken mit ihren Traditionen bis heute fort. Stars wie Johann Strauss, Richard Tauber und Johannes Heesters schätzten das Dresdner Flair. Mit der "Operette unterm Hakenkreuz" zwischen nazistischen "Säuberungsaktionen" und Unterhaltungsnarkotikum beschäftigte sich 2005 eine Expertentagung, initiiert von der Dresdner Staatsoperette.
Im Bombenhagel des 13. Februar 1945 wurden auch die prunkvollen Operettenhäuser zerstört. Kulturbauten, in denen über Jahrzehnte allabendlich tausende Menschen beliebte Klassiker, aufsehenerregende Novitäten, weltberühmte Künstler und führende Komponisten erleben konnten, verschwanden von der kulturellen Landkarte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Dresden berühmte Gebäude wie Semperoper, Schauspielhaus und Frauenkirche wieder aufgebaut. Die Staatsoperette dagegen spielt seit 1947 in ihrem Nachkriegsprovisorium am östlichen Stadtrand.

PROVISORIUM
Ja, das Studium der Weiber ist schwer
Dieser musikalische Stoßseufzer aus der "Lustiger Witwe" erklang am 2. Oktober 1947 in Leuben. Mit der Lehár-Operette begann dort in einem umgebauten Gasthof die Wiedergeburt des musikalischen Volkstheaters in Dresden. Wer aber kann sich vorstellen, was es kurz nach Kriegsende im zerstörten Dresden bedeutet haben mag, dass ein neues Theater in der Hülle des früheren Ballsaals „Feenpalast“ eröffnete? Die Besucher brachten Kohlen mit, damit das Apollo-Theater regelmäßig spielen konnte, und wurden eben im Oktober 1947 mit der ersten Operettenaufführung belohnt. Im rückwärtigen Ballsaal wurde von den Männern der ersten Stunde die neue Spielstätte improvisiert. Die damalige Bedeutung dessen kann das naheliegende Wort Sensation wohl kaum ausreichend beschreiben.
Am östlichen Stadtrand gelegen, ist aber das Haus künstlerisch seither alles andere als eine Randerscheinung geblieben. Die Dresdner Staatsoperette hat mit ihren Inszenierungen immer weit über die Stadtgrenzen hinaus gewirkt und genießt inzwischen internationalen Ruf. Legendär wurde z.B. die DDR-Erstaufführung des Musicals "My Fair Lady". Sie erlangte von 1965 bis 1979 Kultstatus. Das Genre Operette und seine musikalischen Verwandten neu verstehen - immer wieder werden dazu neue inhaltliche und künstlerische Ansätze gewählt. Ein Beispiel ist Leonard Bernsteins "Candide" von 2007.
Während die Staatsoperette künstlerisch konsequent in die Zukunft ging, blieb ihre Spielstätte in der Vergangenheit stecken. Intendant Wolfgang Schaller: "Das einst so wertvolle Nachkriegsprovisorium ist nach mehr als 60 Jahren verschlissen, der Standort unzeitgemäß. Aber das Ensemble und sein Publikum sind höchst vital. Das beweisen die immer weiter wachsenden Besucherzahlen ebenso wie die überregionale Aufmerksamkeit für uns." Nach Jahrzehnten "provisorischen Daseins" sehnt sich das Ensemble jetzt dem ihr  angemessenen Spielort entgegen: im Kraftwerk Mitte im Zentrum Dresdens - der Operette im Zentrum.